Kennen Sie das? Plötzlich klingelt das Telefon und die nette Dame von der Krankenversicherung will sich nur mal ganz kurz mit Ihnen über das Angebot unterhalten, das Sie Ihnen letzte Woche geschickt hat. »Klar«, sagen Sie, »einen Moment bitte«, und eilen – die Schnurlostechnologie macht's möglich – flugs an Ihren Schreibtisch. Auf dem linken Stapel liegt es nicht, auch nicht unten drunter. Auf dem mittleren Stapel sind eigentlich nur Sachen, die die Steuererklärung betreffen, aber vielleicht, aus Versehen ... rechts sind die Elternbriefe von Schule und Kindergarten und vielleicht die Postkarten der Freunde, aber nur die, die wir aus Schule oder Kindergarten kennen. Also zurück zum ersten Stapel. »Soll ich später noch mal anrufen?« erkundigt sich die nette Dame höflich, nachdem sie zehn Minuten lang klaglos ohrenbetäubendes Rascheln ertragen hat. »Ja nein vielleicht«, antworte ich zerstreut, während ich einen Brief lese, den mir meine alte Schulfreundin vor einem halben Jahr geschickt hat. Ja, Sie ahnen es bereits: Ich bin ein Schreibtisch-Messie. Ein Wunder, dass ich tagtäglich mein Laptop finde, um E-Mail abzurufen oder mich zu vergewissern, dass sich mein Kontostand nicht infolge eines Lottogewinns vervielfacht hat.
Innerhalb weniger Minuten nach meinem letzten Umzug war es mir gelungen, den Schreibtisch in seinen ursprünglichen Zustand zurück zu versetzen. An die Farbe der Platte kann ich mich sowieso nicht mehr erinnern.
Hin und wieder – zum Beispiel, wenn jemand sich mit mir über ein unauffindbares Schriftstück unterhalten will – nehme ich mir vor, aufzuräumen. Auf Empfehlung eines Dozenten für Zeitmanagement erwerbe ich das Buch »Simplify Your Life« und lerne sofort den Satz »der Papierkorb ist dein bester Freund« auswendig. Allerdings empfiehlt auch Herr Küstenmacher, einen kurzen Blick auf alles zu werfen, bevor es in den Papierkorb wandert. Dann soll ich Stapel machen und diese in Hängeregister – thematisch sortiert – einordnen. Artig laufe ich los und kaufe Registerkästen, die jetzt hungrig unter meinem Schreibtisch auf Futter warten.
Der »akademische Dreikampf« – Kopieren – Lochen – Abheften – war noch nie meine Stärke, zumal meine Kinder mir ständig Tacker und Locher vom Schreibtisch entwenden.
Böse Menschen schicken mir ständig bedrucktes Papier, das wahlweise in sorgsam beschriftete Ordner, wie sie im Arbeitszimmer meines Gatten in Reih und Glied auf dem Billy-Regal stehen, oder in den Papierkorb befördert werden will. Leider muss man die Briefe vorher öffnen, bevor man sie in »Ablage P« wirft, bzw. einen entsprechenden Ordner einheftet. Rechnungen müssen auf die PC-Tastatur gelegt werden, damit ich gezwungen bin, sie zu bezahlen, bevor sie im Nirwana verschwunden sind. Mein Portemonnaie platzt nahezu, da alle wichtigen Zettel darin aufgehoben werden, vom Arzttermin über die Tankquittung bis hin zu den Monatskarten der Kinder für das nächste Vierteljahr, die leider immer vorab übergeben werden, was die Wahrscheinlichkeit ihres spurlosen Verschwindens vor Beginn der Nutzungsdauer drastisch erhöht.
Leider vergesse ich, die ungültig gewordenen Einkaufszettel zu entsorgen, so dass ich die meiste Zeit damit beschäftigt bin, zwischen alten Kassenzetteln nach meinen Arztterminen zu suchen.
Manchmal kriege ich allerdings einen Rappel, nehme mir eine Woche Urlaub und räume meinen Schreibtisch auf. Alles wandert in die zuständigen Ordner, Einhängeregister oder in den Mülleimer. Alte Kataloge von vor zwei Jahren: weg damit. Eine Frauenzeitschrift von 2003: ab ins Altpapier; der darin abgebildete Pullover, den ich unbedingt nachstricken wollte, ist mittlerweile unmodern. Eine lange vermisste To-Do-Liste (Datum: August 2005) ist längst abgearbeitet, bis auf den letzten Punkt: Schreibtisch aufräumen.
Na, also.
Ich bin kolossal stolz auf mich. Schließlich will ich mal bei Herrn Küstenmacher nachschauen, wie man mit einem solchen Ereignis umgeht. Leider finde ich mein »Simplify Your Life« nicht. Ich glaube, ich muss mal wieder mein Bücherregal aufräumen.
Morgen.
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