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Wahnsinn frisst Alltag.
Alltag frisst Wahnsinn.

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08.10.06

Barbara Arnold

Der IKEA-Effekt

Kennen Sie das? Die Bücher stehen in Zweierreihen hintereinander, stapeln sich auf dem Fußboden oder sammeln sich heimatlos auf Ihrem Nachttischchen. Es besteht kein Zweifel: ein neues Regal muss her. Nachdem Sie sich mit Ihrem/Ihrer Lebensabschnittsgefährten/in auf einen Stellplatz geeinigt haben, kann das Abenteuer beginnen. Sie fahren in das »unmögliche Möbelhaus aus Schweden«, um ganz gezielt und ohne Umwege ein Regal, Billy weiß, 2,16 m hoch und 60 cm breit, zu erwerben. Wohlgemerkt: gezielt und ohne Umwege. Das haben Sie sich zumindest vorgenommen. Dann landen Sie in dem uns allen bekannten Labyrinth aus Betten, Sofas, Couchtischen, Küchenmöbeln, Badezimmerschränken und – ganz gefährlich – Körben mit Accessoires. Ja, so nennt man sie wohl, die Dinge, die unser Heim und unseren Alltag verschönern. Noch ehe man richtig nachgedacht hat, hat man sich zwei Pakete Servietten unter den Arm geklemmt und obendrauf zwei formschöne Kerzenhalter gestapelt, die vielleicht so fantasievolle Namen wie »Flamme« oder »Brenno« tragen. Spätestens der Flickenteppich »Ralf«, der ständig von diesem Stapel herunterpurzelt, zwingt uns, eine dieser hübschen gelben Transporttaschen, oder noch schlimmer einen Einkaufswagen zu nehmen, und damit sind alle Dämme gebrochen.

Topf um Topf (»Krukan«) und Lampe um Lampe (»Brotorp«) finden sich auf dem Einkaufswagen ein. »Da schau, Schatzi, die Gardine würde doch gut ins Kinderzimmer passen!« Also, hinein damit. Wo wir schon mal in der Kinderzimmerabteilung sind, legen wir noch die Wippbanane und diverse Stapelboxen dazu. Die niedlichen Kuschelkängurus kann man eigentlich auch nicht hier lassen.

Nachdem wir uns mit diversen »Köttbullar« gestärkt haben, geht's in die Markthalle. Da geht der Kaufrausch richtig los. Zu den Servietten gibt es farblich passende Platzsets. Und so eine Kaffeekanne wollte ich immer schon mal haben. Ganz zu schweigen von der praktischen Badezimmerserie, die endlich Schluss macht mit dem Chaos auf unserem Gästeklo.

Der steinerne Torso »Ingress«, der prima in das Kaminzimmer passen wird, zwingt den Einkaufswagen endgültig in die nicht vorhandenen Knie. Macht nichts. In der Gewissheit, viel zur Aktion »Unser Heim soll schöner werden« beizutragen, begeben wir uns Richtung Kasse.

An dieser Stelle ein kleiner Tipp:
Wenn Sie wirklich am Samstag zu IKEA fahren müssen, achten Sie darauf, dass es erstens nicht der erste Samstag im Monat ist, denn sonst sind alle Leute, die am Monatsanfang frisches Geld bekommen, bei IKEA, zweitens dass nicht der erste Tag des Monats überhaupt ist, denn sonst hat gut die Hälfte der IKEA-Mitarbeiter ihren allerallerersten Arbeitstag, was zu gewissen Verzögerungen im Gesamtablauf führen kann.

Nachdem wir also gut zweieinhalb Stunden in der Kassenschlange verbracht haben, eine Zeit, die wir sinnvoll nutzen, um abwechselnd weitere nützliche und dekorative Stücke in den Wagen zu laden, lassen wir einen vierstelligen Geldbetrag an der Kasse, freuen uns, dass wir auf die Lampe »Lilli« zwei Euro Nachlass bekommen, da wir selbstverständlich Inhaber einer »Family-Card« sind, und gehen nach einem kurzen Abstecher in die Lebensmittelabteilung (»Köstlich, dieses original schwedische Knäckebrot«) schwer beladen zum Auto.

Nach weiteren gefühlten eineinhalb Stunden haben wir alles verstaut und können gut gelaunt nach Hause fahren.

Erst als wir gewahr werden, dass wir aus unerfindlichen Gründen »Billy« vergessen haben, trübt sich die gute Stimmung ein wenig, doch nach einem Schluck Sekt aus den neu erworbenen Gläsern »Svalka« hebt sie sich wieder, denn: der nächste Samstag kommt bestimmt.

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Barbara Arnold

geboren 1962 im lustigen Rheinland, blieb ihr nach dem Abitur im finsteren Westfalen und Architekturstudium in Braunschweig nichts anderes übrig, als den Wahnsinn des Alltags durch die rosarote Brille der spitzen Feder zu sehen.

Schon ihr Deutschlehrer schlug ihr 1973 vor, Kabarettistin [..]

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