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Wahnsinn frisst Alltag.
Alltag frisst Wahnsinn.

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07.08.06

Barbara Arnold

Nutella-Brote in der Besenkammer

Erinnern Sie sich? Schon als das Kindlein noch ausschließlich von Muttermilch genährt wurde, nahmen Sie sich vor, für gesunde Ernährung zu sorgen, den Nachwuchs ballaststoff- und vitaminreich zu verköstigen, fettarm und zuckerfrei. Niemals würde ein Bekannter Sie mitsamt Ihrer Nachkommenschaft in einem Schnellrestaurant antreffen, selbst die Grillbratwurst- und Reibekuchenstände auf dem Weihnachtsmarkt wollten Sie meiden wie der Teufel das Weihwasser.

Doch dann kam etwas Unvermeidliches dazwischen: die Realität. Zum ersten kann man seine lieben Kleinen ja nicht verhungern lassen, nur weil diese sich kategorisch weigern, Gemüse zu essen. (»Das esse ich nicht, das ist grün!«) Zum zweiten muss man ja auch ein gutes Vorbild sein, man kann ja schließlich nicht Karottensaft predigen und Cola trinken.

Außer Grillbratwurst und Eierpfannkuchen gibt es praktisch nichts, was beide meiner Kinder essen, ohne zu murren. Selbst als es neulich nach langer Zeit mal wieder Fischstäbchen gab, hieß es: »Dauernd machst du Fischstäbchen!« So etwas ähnliches zum Thema Eierpfannkuchen hörte ich nie, selbst wenn es morgens, mittags und abends welche gäbe.

Meine Vorbildhaftigkeit nimmt derweil immer absurdere Züge an. Seit meine Kinder wahrnehmen, was ich esse, verzichte ich auf Weißmehlprodukte und esse stattdessen Vollkorntoast zum Frühstück. Am Mittag kommt nur Fisch oder mageres Geflügel auf den Teller und auch am Abend gibt es das leckere Bio-Öko-Sonnenblumenvollkornbrot. Natürlich mit leckerstem Käse aus Milch von glücklichen Kühen.

Süßigkeiten, die in unserer nordhessischen Heimat »Schnucke« genannt werden, gibt es gar nicht mehr. Also, fast gar nicht mehr. Ganz, ganz selten. Eigentlich nur, wenn die Kinder im Bett liegen und seit mindestens einer Stunde schlafen. Sonst kann es passieren, dass ich mir gerade ein Weißbrot fingerdick mit Nutella bestrichen habe, und das Kind schlaftrunken aus dem Kinderzimmer tritt, um das Verschwinden des Teddys, Schnullers o. ä. zu beklagen. Reaktionsschnell flüchte ich mit meinem Brot in die Besenkammer, lege es weit oben auf das Regal mit den Klopapierrollen, trete leise vor mich hin pfeifend wieder heraus, sofern das mit vollem Mund überhaupt möglich ist, und tue so, als hätte ich nur mal eben den Staubsauger weg gestellt.

Nachdem der Teddy wiedergefunden und das Kind ins Bettchen gebracht ist, starte ich einen zweiten Versuch. In diesem Moment tritt der andere Knabe aus der Kinderzimmertür. »Mama, ich hab was blödes geträumt. Kann ich einen Moment hier bei dir bleiben?« – »Natürlich, mein Schatz!« Sehnsuchtsvoll denke ich an mein Brot. Aber man muss auch Opfer zum Wohle seiner Kinder bringen können. Ich nehme meinen Sohn auf den Schoß und kuschele ein bisschen mit ihm, damit er seinen Traum vergisst. »Mamaaa?« – »Ja, mein Kleiner?« – »Du riechst so lecker. Nach Nutella.«

Erwischt. Und woher weiß das Kind überhaupt, wie Nutella riecht?

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Barbara Arnold

geboren 1962 im lustigen Rheinland, blieb ihr nach dem Abitur im finsteren Westfalen und Architekturstudium in Braunschweig nichts anderes übrig, als den Wahnsinn des Alltags durch die rosarote Brille der spitzen Feder zu sehen.

Schon ihr Deutschlehrer schlug ihr 1973 vor, Kabarettistin [..]

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