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22.06.02

Magdi Aboul-Kheir

Requiem für den Glückspfennig

Da geht er hin. Das heißt, eigentlich geht er nicht hin, er ist schon weg, der Glückspfennig. Spurlos verschwunden. Nirgends liegt er mehr. Früher wartete er am Randstein, unterm Fußabstreifer, im Hausflur. Heute: Fehlanzeige.

Eigentlich müssten immer noch 124.719 Stück herumliegen, mindestens. Aber sie sind verschwunden, samt und sonders. Als ob die grauen Männer der Deutschen Bundesbank nächtens mit Spürgeräten durch die Städte und Ortschaften streifen und sie überall auflesen, Häkchen auf ihren Pfenniglisten machen, somit ein Kulturgut ausrotten.

Er ruhe in Frieden, der Glückspfennig.

Wert war er ja nie viel, das lag in der Natur der Sache. Einen Pfennig halt. Aber darum ging es gar nicht. Es war einfach schön, eine dieser schimmernden Kupfermünzen zu erspähen, sich vorsichtig zu bücken und das gute Stück in die Hand zu nehmen. Wer mit Herz und Verstand hätte je einen liegenlassen? Der Pfennig gab einem die Hoffnung, das Geld liege doch auf der Straße; vor allem aber gab er einem das Gefühl, er habe darauf gewartet, von einem gefunden zu werden und von niemandem anders. Jemanden einen Glückspfennig zu überlassen, war eine ungleich größere Geste als ein Markstück abzugeben.

Er ruhe in Frieden, der Glückspfennig.

Aber wahrscheinlich ist ihm nicht einmal das vergönnt: in Frieden zu ruhen. Zusammengepresst, eingeschmolzen ist er worden. Keine Ausnahme, kein Einsehen, und wahrscheinlich keinerlei Bewusstsein für die besondere soziologische und psychologische Dimension. Die Kälte der Wirtschaft zeigt sich eben im Detail, im Kleinen. Im Pfennig.

Doch ganz bestimmt haben sie noch nicht den Letzten, den Allerletzten aufgespürt, die grauen Herren der Deutschen Bundesbank. Irgendwo wartet er auf seinen glücklichen Finder. Und so lange sollten wir nicht aufhören, wenigstens ab und zu nach unten zu blicken, hoffend.

Kürzlich blies mir der frische Frühlingswind einen Fünf-Euro-Schein vor die Füße. Na und. Ich hob ihn auf, steckte ihn ein, das war's. Einen Glückscent habe ich noch nicht gefunden. Das wäre ohnehin nicht das gleiche, nur ein Cent, der irgendjemand irgendwo aus der Tasche gefallen ist. Außerdem wäre der ja zwei Pfennig wert, und was soll das?

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Magdi Aboul-Kheir

Magdi Aboul-Kheir hat am gleichen Tag Geburtstag wie Martin Walser, Steve McQueen, Fatty Arbuckle und die Kremers-Zwillinge. Zum Glück ist er etwas jünger (Jahrgang 1967), beziehungsweise lebt er noch.

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