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Wahnsinn frisst Alltag.
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05.08.06

Magdi Aboul-Kheir

Peter Sloterdijk vs. Getränkehändler Pasquale. Chronik eines gescheiterten Texts

Die Idee war verlockend. Auf der einen Seite haben wir Pasquale, meinen geliebten Getränkehändler, den kleinen König der Alltagsphilosophie. »Musst schaffe gehe? Is scheiße, aber kamma nix mache«, sagt er etwa des Morgens und bringt damit das Dilemma des Berufstätigen auf den Punkt. Ich musste ihm aus vollem Herzen zustimmen »Hast nix zu schaffe, is auch scheiße. Is sogar noch größere Scheiße.« Genau, so ist es doch! Und schon hat Paquale noch das Problem der unter Druck geratenen Sozialgesellschaft umrissen.

Auf der anderen Seite steht Peter Sloterdijk, streitbarer Kommentator der Zeitläufte, vom Denker zwischen zynischer Vernunft und Eurotaoismus zum Menschenpark-Rässoneur und Sphärenphilosoph gereift. Der sagt: »Wenn ich das Bild der Blase ins Zentrum meiner Überlegungen stelle, signalisiert das die Absicht, mit der Revision des Substanzfetischismus und des metaphysischen Individualismus ernst zu machen.«

Die Idee war vielversprechend. Sloterdijks Sprachwust und Gedankenwulst wollte ich ausspielen gegen Pasquales schlauen Anekdoten, seine knappen, zwischen anpackendem Pragmatismus und südländisch-sympathischem Fatalismus angesiedelten Weisheiten. Sloterdijk sollte im Gegensazu dazu dastehen als aufgeblasener, manierierter Vokabelaufmischer und Phrasendreschflegel.

»Wir leben in einer Kultur, die über das Offenkundigste, über die Grundlichtung, die Atmosphären, in denen wir uns bewegen, so gut wie überhaupt nicht sprechen kann, allenfalls in Form der groben, aber wichtigen Unterscheidung zwischen guter und schlechter Stimmung«, versteigt sich Sloterdijk. Pasquale meint dazu: »Is Scheiße heute. Lieferanten kommen alle gleichzeitig. Is Chaos hier, aber kamma mix mache.«

»Die Moderne postuliert eine Welt, die von ihrem eigenen Design her nicht mehr untergangsfähig ist und eo ipso nicht untergangsbedroht sein kann. Für die modernen Städte und für nationalstaatliche Strukturen des Industriezeitalters ist es hingegen offenkundig, dass sie nicht mehr in demselben Ausmaß auf den archaischen psychoenergetischen Mechanismen beruhen können, weil in der Moderne die morphologische Definition der Stadt als psychopolitisch hoch aufgeladener Binnenraum nicht mehr gilt«, predigt Sloterdijk. Pasquale sagt zu diesem Thema: »Scheiß Stadt. Alle spinnen heut. Sind total verrückt. Ist kein Wunder, wenn irgendwann großer Knall kommt. Bumm!«

Jetzt galt es nur noch, die Idee Sloterdijk vs. Pasquale in die schreiberische Tat umzusetzen. Als ich Pasquale das nächste Mal in seinem Lädchen besuchte, warteten im Auto Notizheft und Stift, um seine Aphorismen und Schlauheiten sofort zu notieren. »Bin heute müde«, sagte Pasquale, »hilft aber nix.« Nun, diese Art von Pragmatismus kannte ich schon. »Und sonst«, fragte ich. »Sonst nix. Nur müde«. Er gähnte. Das war ein wenig wenig. Ich blätterte bei Sloterdijk nach. »Alle menschlichen Gesellschaften stehen vor dem Problem, die Intelligenz ihrer Mitglieder in fruchtbaren Koalitionen miteinander zu verknüpfen.« Nun ja, das gilt selbst für den Getränkekauf des Kolumnisten.

Eine Woche später herrschte in Pasquales Geschäft Hochbetrieb, er sortierte leere Wasser- und Bierflaschen, hastete durch seinen Laden und ruderte an der Kasse herum. Ich freute mich schon darauf, mit welcher schlauen Einsicht er dem Stress begegnen würde. »Manchmal kommt keiner, manchmal komme alle auf einmal. Was willste mache, musste dann viel laufe.« Nicht schlecht, aber letztlich arg profan. Fast zu ungebrochen realitätsnah. Bei meinem nächsten Getränkekauf trug ich meinen kleinen Notizblock offen mit mir herum, um Pasquales Einlassungen zu notieren. Vielleicht brauchte er ein wenig Druck.
»Guten Morgen«, sagte ich freudestrahlend.
»Geht's gut? Muss gehen, gell?«
»Ja«, sagte ich und wartete auf ein paar Einlassungen.
»Kaufst Du Wasser? Ist nächste Monat im Angebot, aber brauchst du halt jetzt, gell. Is scheiße, aber brauchst halt Wasser heute.«
Besonders geistreich fand ich das nun nicht. Eher etwas ärgerlich. Pasquale schob mein Geld ein, wirklichen Trost bot mir die Aussicht auf das billigere Wasser im kommenden Monat nicht.

»In der Sprache moderner Systemtheorien sagen wir, daß intelligente Organismen selbstbezüglich geschlossene Systeme sind«, führt Sloterdijk aus. »In der Tat sind endliche Intelligenzen dadurch charakterisiert, daß sie immer nur zuständig sein können für das, was sie aktuell wissen und können also unvermeidlicherweise und unter allen Umständen für beklagenswert wenig. Der Idiot ist Experte fürs Eigene und Laie für alles übrige, und in diesem Sinn sind alle Menschen in einem wohlverstandenen Sinn zunächst und zumeist idiotisch.« In einem wohlverstandenen Sinn kam ich mir mit meinem Vorhaben reichlich idiotisch vor.

Die Idee war unbrauchbar. An der Realität gescheitert. Aber wie sagt Sloterdijk doch so schön? »Ohne den existentiellen Bezug wäre die Philosophie eine schale Affaire.«

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Magdi Aboul-Kheir hat am gleichen Tag Geburtstag wie Martin Walser, Steve McQueen, Fatty Arbuckle und die Kremers-Zwillinge. Zum Glück ist er etwas jünger (Jahrgang 1967), beziehungsweise lebt er noch.

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